Themenverzeichnis der Emails aus Granada


20.11.2001
Betreff: Arabisch angeheizte Schnee-Havarie am 28.Dezember
Themen: Temperaturunterschiede; Ski; Brasero, Kohleofen; Arabergasse Calderería; Dienstag, der 13.; Scherze am 28. Dezember; Weihnachtsgeschenke zum 6.Januar

Guten Wusel!

Eigentlich wollte ich schon letzte Woche schreiben, aber mein momentanes Stamm-Internet-Café hat leider eine Havarie. Auch hat sich mein Lernstoff vervielfacht, so dass ich nicht mehr so viel Zeit im Internet verbringen kann. Aber zu erzaehlen gibt es noch genug.

Hier ist es jetzt auch viel kaelter geworden. Die ueber 650 Meter ueber dem Meeresspiegel gelegene Stadt Granada liegt sehr nah an 3000er Bergen, die jetzt seit 2 Wochen mit dickem Schnee bedeckt sind. Die Leute in meiner Schule, die Ski fahren, warten schon sehnsuechtig darauf, dass die Lifte jetzt bald in Betrieb gesetzt werden.

Sierra Nevada = Beschneites Gebirge ©Anna Wirt
Es zieht also trockene kalte Luft von der Sierra Nevada herunter. Da, wo es windstill und sonnig ist, faengt man an zu schwitzen; da, wo wegen der Haeuser keine Sonne hingelangt und der Wind gut hinkommt, muss man sich gleich wieder die Jacke anziehen. Und dann ist da noch der riesige Unterschied zwischen Tag und Nacht; ich schleppe also tagsueber zum Unterricht die dicke Jacke mit, um sie abends anziehen zu koennen. Ein Trost ist, dass es nicht so oft regnet. Im Durchschnitt sind es 7 Regentage im granadinischen November. Letztens hat es sogar kurz geschneit. Aber sonst steht die Sonne meist an einem wolkenfreien Himmel.

Viele Haeuser haben keine Heizung. Wenn, dann kleine Geraete, die mit Gas oder elektrisch betrieben werden. Letzte Woche habe ich mit meiner Gastmutter den Esstisch folgendermassen praepariert: Auf den Tisch kam eine schwere Decke, die bis zum Boden reicht. Unter den Tisch ein Holzgestell: eine Platte die etwas kleiner ist als die Tischplatte, so dass sie zwischen die Tischfuesse passt; sie liegt etwa 10 cm ueber dem Boden; in der Mitte ist ein rundliches Loch, etwa 60 cm im Durchmesser. In diesem Loch steht jetzt ein rundliches flaches elektrisches Heizgeraet, das 'Brasero' genannt wird. Zu Deutsch: 'Kohlenbecken'; weil es frueher seine Energie aus der darin befindlichen Kohle nahm.
Man stellt also seine Beine unter den Tisch, auf die Holzplatte, die schwere Decke ruht auf dem Schoss und schliesst die wohlige Waerme unter dem Tisch ein. Verbrennen tut man sich nicht an dem Metall der kleinen Heizung. Wenn die Fuesse warm sind, fuehlt man sich gleich viel besser.
Also, immer einen kuehlen Kopf und warme Fuesse bewahren!

Ich glaube, von der 'Calderería', der Arabergasse, habe ich noch gar nicht erzaehlt!
Es gibt eine enge Gasse (eigentlich 2 Gassen)(endlich mal ohne Autos!) in dem Weltkulturerbe-Stadtteil Albaicín, die ziemlich faszinierend daher kommt. Als ich das erste Mal aus Versehen dort hinein geriet, bin ich erstmal stehen geblieben, habe mich umgedreht und mich gefragt, was jetzt passiert sei. Nichtsahnend bin ich ploetzlich in einer ganz anderen Welt der Farben, Geraeusche und Duefte gelandet, zwischen Stoffen, Gewaendern, Tuechern, bunten Lampen, Kannen, Kruegen, Wasserpfeifen, Bongotrommeln, Spiegeln, Schmuck, Taschen - alles verziert mit arabischen Ornamenten; der Geruch ploetzlich ein ganz anderer: an jeder Ecke Raeucherstaebchen, die abglimmen, und Tee, die verschiedensten und exotischsten Sorten. Die Musik, arabisch aber unaufdringlich angenehm. Zwischen den Laeden mit Kram dann die 'Teterías', arabische Laeden mit stark gedimmtem Licht und Kerzenschein, in denen man sich in kleinen Ecken und Nischen auf Hocker oder auf den Boden setzt an winzigen Tischchen, um abzuschalten oder Gespraeche zu fuehren und die Atmosphaere auf sich wirken zu lassen. Ich meine die arabisch verzierten Saeulen, die Spiegel, Wandteppiche, Fliessen ('Azulejos') und Lampen um einen herum. Der Name Tetería verraet, dass es dort Tees gibt; aber nicht nur das, es gibt ein grosses Angebot an Getraenken, wie z.B. auch 'Batidos', das sind so etwas wie Milchshakes. Eine sehr gemuetliche Atmosphaere!

Spanier sind einfach anders!

¡Martes y trece! Der Unglueckstag ist hier nicht Freitag, der 13., nein, sondern Dienstag, der 13.

Die Scherze, die wir vom 1. April her kennen, gibt es hier am 28. Dezember, auch, wie bei uns, im Rundfunk. Interessant ist dann auch, dass ich von den Marokkanern in meiner Klasse erfahren habe, dass in Marokko wiederum der 1. April der der Scherztag ist. Und auch alle sonstig in meiner Klasse vertretenen Laender (Frankreich, Holland, Oesterreich, Belgien, Polen) haben den 1. April als Scherztag.

Die Weihnachtsgeschenke gibt es nicht an und nicht um Weihnachten herum (24.Dez in Deutschland oder 25.Dez in den USA), sondern am 6. Januar.

Bis demnaechst! -Adiós-


29.11.2001
Betreff: Reise nach Córdoba
Themen: Córdoba; Zusammenleben der Religionen; Mezquita; Orangen & Apfelsinen; Baumwollfelder

Einen sonnigen Tag!

Am Wochenende bin ich nach Córdoba gereist.
Die Hauptstadt der gleichnamigen Provinz Córdoba liegt nordwestlich von Granada.

Auf der Busfahrt von 2,5 Stunden hatte ich die berauschende Aussicht auf Olivenhaine. Olivenhaine ist gut: ich habe stundenlang nur Olivenbaeume links, rechts, vorne und hinten bis zum Horizont gesehen, soweit das Auge reicht. Das ist eine ganz andere Welt, ziemlich idyllisch. Ab und zu mal ein zerfallenes, mal ein bewohnbares Haeuschen zwischen den Baeumen, die die huegelige Landschaft uebersaehen.

Olivenbaum ©Holger Klöpfel Olivenhain ©Holger Klöpfel Olivenbaum ©Holger Klöpfel

Das Wetter war auch echt optimal. Keine Wolke, und zwar nirgendwo (ich habe mich schon an die typisch-spanische doppelte Verneinung gewoehnt). Man merkt zwar auch in Córdoba, dass Winter ist, da es ein wenig kuehl ist. Aber immer noch waermer, als im hoch und neben dem beschneiten Gebirge Sierra Nevada gelegenen Granada.

Córdoba Patrimonio de la Humanidad ©Holger Klöpfel

Die exotischen Pflanzen hier sind fuer mich ja stets ein Ausdruck des warmen Klimas. Auch, wenn es tatsaechlich etwas kuehl ist, verspuere ich immer ein warmwohliges Gefuehl, wenn ich zum Beispiel die Dattelpalmen sehe. In der Stadt angekommen fuhren wir durch eine 1Km-lange Palmen-Allee!
---Schmelz---

In Córdoba bekommt man zu spueren, wie sehr im Einklang die drei Religionen Islam, Christentum und Judentum lebten und es immer noch tun. In der Mezquita von Córdoba ©Harmin Müller Die Mezquita (arabisch, zu dt. Moschee, zu franz. mosquée, um den sprachlichen Zusammenhang ein wenig aufzuzeigen) steht nicht fern von der Synagoge und einem Museum, das man besichtigen kann, wenn man die roemische Bruecke ueberquert hat. Dieses Museum zeigt auf, dass sehr viele weise Leute aus Córdoba stammten und dort gelebt haben, die das friedliche Zusammenleben der drei Religionen befuerwortet haben, weil alle im Grunde denselben Gott anbeten. So eine Einsicht ist nicht vom Zeitalter abhaengig!
In besagtem Museum sieht man in Modellen und Bildern, wie waehrend des moslemischen Reiches (vor 1000 n. Chr.), das in Córdoba seinen Hauptsitz hatte, christliche Moenche von den Kalifen empfangen wurden. Dies diente zum wissenschaftlichen Austausch, aus Liebe zur Wissenschaft. Das finde ich sehr beeindruckend.
Ueberhaupt haben die Religionen in dieser Region (auch in Granada) immer friedlich zusammengelebt. Wenn eine Gruppe unterdrueckt wurde, dann geschah das auf Wunsch der christlichen Koenige hin. Die christliche Gefuehllosigkeit findet nicht nur in der Alhambra in Granada einen guten Ausdruck: Hier wurde der gemuetliche islamische Palast, der den Sinnenfreuden diente, in der Mitte mit einem barocken Klotz verschandelt. Das mit der Demonstration der ueberlegenen christlichen Bauweise ist da bei Karl V. ziemlich in die Hose gegangen. Nein, nicht nur hier, auch in Córdoba. Die Mezquita steht nah an der Synagoge, aber die christliche Kathedrale ... ähemmm... die steht mitten in der Mezquita!!! Das muss man sich mal ueberlegen! -> Selbst Karl V., der seinen Baumeistern anfangs die Erlaubnis dazu gab, in die Mezquita eine Kathedrale hineinzubauen, sagte spaeter zu diesen: "Was ihr gemacht habt, haette man ueberall machen koennen, aber was ihr zerstoert habt, war einmalig auf der Welt!"

Ja, die Mezquita ist so gross, dass noch eine komplette Kathedrale hineinpasste.
Am schoensten an der Mezquita fand ich den Innenhof. Dort findet man zahlreiche Orangenbaeume, ein paar hohe Palmen, 2 oder 3 Tannen und diverse Springbrunnen vor. Und dann noch der blaue Himmel und die Nachmittagssonne dazu, die einem den Leib waermt...!!! What a feeling!

Saure Orangen aus Europa sind keine süßen Äpfel aus China! ©Holger Klöpfel Die Orangenbaeume sind noch voll mit Orangen, aber warum? Okay, zum einen sind sie teilweise jetzt noch nicht reif, aber sie sind auch sauer. Das ist naemlich die einzige Art von Orangen, die man in Europa bis ins 15. Jahrhundert kannte. Zu besagter Zeit fingen dann die Portugiesen an, die uns heute bekannten suessen "Apfelsinen" aus China zu importieren. Damals bestand noch ein sprachlicher Unterschied zwischen den sauren Orangen und den suessen "Apfelsinen": Aepfel aus China, denn "Sina" ist ein veraltetes Wort fuer "China"; Spanisch 'Naranja' kommt aus dem Arabischen und nimmt man das 'N' weg, erhält man das französische Wort 'Orange'.

Am Sonntag habe ich dann eine gefuehrte Fahrradtour mitgemacht. Da haben wir eine sehenswerte Ausgrabungstaette ('Medinat Al-Zahra' - 'die Stadt der schoenen Blume') besucht. Aber dazu vielleicht ein andermal mehr. Nur wichtig zu erwaehnen finde ich die Baumwollfelder (!!!), die wir waehrend der Fahrradtour durchquert haben. Damit haette ich hier echt nicht gerechnet! Es gibt immer noch Ueberraschungen!

Bis bald!


08.12.2001
Betreff: El Robo De La Virgen
Themen: Traditionen in Spanien - Tomatina, San Fermín, El Robo De La Virgen- Ölschlacht in Baza & Guadix

Tach auch!

Von den Traditionen in Pamplona, der Hauptstadt der autonomen Region Navarra (ganz im Norden Spaniens, direkt oestlich vom Baskenland), hat man in Deutschland ja schon mal gehoert. Die 'Tomatina', die Tomatenschlacht, bei der ein riesiger Laster mit ueberschuessiger Tomatenernte durch die Stadt gurkt und diverse Leute auf den Tomaten rumhuepfen und sie in der ganzen Stadt als Wurfgeschosse verteilen.
Und das San Fermín -Fest, bei dem Stiere durch die Gassen hinter den fliehenden Menschen herjagen; bei letzterem kommen uebrigens jaehrlich vor allem Touristen ums Leben, die nicht wissen, wie ein Stier agiert und wie sie folglich reagieren muessen, um nicht durch die Luefte gewirbelt zu werden.

Was nicht so bekannt ist und sich direkt hier in der Naehe abspielt, findet jaehrlich am 6. und 8. September in 2 kleinen Staedten statt. Baza und Guadix, die noerdlich von Granada liegen und etwa eine halbe Stunde per Auto von einander entfernt sind.
Geschichte: 2 Maenner, einer aus Baza und einer aus Guadix, fanden eine Maria-Skulptur. Der Mann aus Guadix sah sie zuerst und nahm sie mit, obwohl die Statue auf dem Gebiet von Baza gelegen hatte. Daraufhin kam Streit auf, denn Baza verlangte die Skulptur zurueck.
Es faengt religioes an, aber, wie immer bei den spanischen Festen, geht es sehr weltlich weiter. Jeden 6. September feiert Baza das Fest: El Robo De La Virgen (Der Raub der Jungfrau). Bis an die 5000 Menschen (mit leichter Uebertreibung meines stolzen Spanischlehrers, der aus diesem Dorf kommt) steigen auf einen Huegel neben dem Dorf und fangen an, sich gegenseitig mit Motoren-Oel (!) und schwarzer Farbe zu beschuetten, bespritzen und einzuschmieren. Daraufhin fangen alle gleichzeitig an, quer ueber die huegelige Landschaft hinunter in die Stadt zu sprinten, was auch nicht ganz ungefaehrlich ist. Die Kleineren, ab 5 Jahren, rennen stets schon etwas frueher los, um nicht ueberrannt zu werden. Vorbei an den Hauserwaenden, die spaeter mit speziellen Reinigungsmaschinen wieder gesaeubert werden, zum Dorfspringbrunnen, indem sich die Menschenmasse mehr oder weniger waescht. Dann rennt der Sauhaufen zur Dorfkirche. Theoretisch, was vornweg gesagt nie der Fall ist, kann diejenige Person, die von Guadix ist und sauber an der Kirche ankommt, die Maria-Statue aus der Kirche holen und sie nach Guadix tragen.
Am 8. September findet aehnliches in Guadix statt, um die Gram zu bekunden, dass die Statue nicht gebracht wurde.
Mir wurde auch erzaehlt und ein in Baza stehendes Monument beweist, dass es frueher noch etwas haerter zuging: die aus Guadix gesandte Person wurde sowohl in Baza, als auch spaeter in Guadix mit einer speziellen Peinigungswaffe, so etwas wie einem Morgenstern, bloß ohne Stacheln verdrescht. Ja, ja,... ich konnte auch nicht glauben, dass da dennoch jaehrlich immer Freiwillige gefunden wurden.

Ich muss noch dazu sagen, dass mich an dieser Tradition am meisten stoert, dass wieder mal die Umwelt leiden muss. Als ich dies meinem Lehrer bekundete, meinte er, dass auf dem Berg sowieso nichts waechst. Da stellt sich fuer mich nur die Frage, wieso da nichts waechst.


19.12.2001
Betreff: ¡Feliz Navidad!
Thema: Weihnachten; Schnee in Barcelona

¡Feliz Navidad! Frohe Weihnachten!

Jetzt gibt es in Deutschland bald Geschenke. Wie schon angesprochen, herrscht hier der Brauch vor, am 6.Januar die Bescherung abzuhalten. Ich mache es mir trotzdem am 24.12. feierlich gemuetlich. Aus meiner Schule treten die meisten die Heimreise an. Hier bleiben, ausser mir, noch ein Daene und die Mehrheit der Marokkaner. Alleine bin ich auch nicht, weil ich an der hiesigen Universitaet zum Beispiel noch Oesterreicher kenne, die Weihnachten hier verbringen. Ich werde mich also nicht langweilen! Ich denke, wir werden so etwas wie eine kleine Party machen, und viel weggehen.

In Granada leuchtet jetzt ueberall die Weihnachtsbeleuchtung und in Barcelona hat es seit 14 Jahren das erste Mal wieder geschneit, was groß in den Medien rauskommt. Und auch hier in Granada macht sich der Schnee in den Bergen auch durch grausige Kaelte bemerkbar. Aber ich freue mich auf die Schneeballschlachten in den Bergen!
Sierra Nevada heisst aus dem spanischen uebersetzt uebrigens nichts anderes als "Verschneites Gebirge".

Euch allen also ein schoenes Fest mit der Familie und leckere Weihnachtsplaetzchen. Ich finde die Plaetzchen/Kekse mit das Schoenste an Weihnachten!


28.12.2001
Betreff: Weltkulturerbe zerstoert !!!
Thema: Alhambra eingestürzt

Alhambra ©Harmin Müller 28. Dezember in Granada, Spanien

Die Alhambra, das von der UNESCO benannte Weltkulturerbe, ist in sich zusammengebrochen!!!